Deerhunter - Microcastle
Kranky (Cargo Records)
Deerhunter sind im Grunde genommen eine Popband. Weird Pop. Das zumindest behauptet Deerhunter Frontmann Bradford Cox. Ich würde ihm sogar Recht geben. Wobei man einschränkend sagen muss, dass man sich den Weg in diese nebelverhangene, amorphe Deerhunter Welt ein Stück weit erkämpfen muss. Weird eben.
Gerade das wenig beachtete Debüt "Turn It Up Faggot" war ein schwer verdaubarer Post-Punk-Noise-Brocken, den Cox heute, am liebsten aus der Band Diskografie streichen würde.
Mit Album Nummer zwei wendet sich das Blatt. Die Band wird etwas zugänglicher und es regnet positive Kritiken. "Cryptograms" ist dabei ebenso verstörend wie faszinierend. Die erste Hälfte der Platte verwandelt die Lautsprecher der heimischen Stereoanlage spielend in eine berauschende Dosieranlage und versetzt die Zuhörer mit der ausströmenden Substanz in einen mentalen Schwebezustand, dem man sich nur durch das rechtzeitige Drücken der Stop-Taste entziehen kann. Ein Fall für Mulder und Scully. Auf der zweiten Albumhälfte übt sich die Band in wunderbaren Psych-Pop und legt damit einen groben Grundstein für das, was uns jetzt auf "Microcastle" erwartet.
Die Soloausflüge von Cox (unter seinem Moniker Atlas Sound) machten den zu erwartenden Richtungswechsel seiner Hauptband noch einmal etwas konkreter. Dennoch überrascht Microcastle mit seiner Konsequenz. Es klingt heller und direkter als alles was die Band davor veröffentlicht hat und die Produktion ist ungewohnt up-front, was der Band aber glänzend zu Gesicht steht. An der Diversität der Songs hat sich nichts geändert. Deerhunter pendeln immer noch zwischen Psychedelic Pop, Ambient und Post-Punk. Dass dabei eine Homogenität bewahrt wird, ist hingegen neu. Man hat nicht mehr das Gefühl eine Compilation CD zu hören.
Was die Songfolge betrifft bewiesen Deerhunter schon auf "Cryptograms" ihr exzellentes Gespür für Dramaturgie. Microcastle lässt sich ähnlich wie sein Vorgänger in divergente Abschnitte unterteilen. Dem recht poppigen ersten Teil, der mit "Agoraphobia", "Never Stops" und "Little Kids" gleich drei fantastische Songs beinhaltet, folgt ein kurzer ambienter Mittelteil. Anfangs noch etwas befremdlich, entwickelt der Mittelteil nach einigen Hördurchläufen eine wunderbare fragmentarische Ästhetik. Kurz bevor man droht in den mentalen Schwebezustand vergangener Platten abzudriften, wird man vom rockigen "Nothing ever happend" aus den Träumen gerissen. Der Song präsentiert sich als klassisches Singlematerial mit Deerhunter untypischen Ohrwurmqualitäten. Mit ihm wird auch der etwas rauere, rockigere Teil der Platte eingeleitet, wo das grandiose "These Hands" ein weiteres Highlightfähnchen setzt. Der Song versetzt dem Zuhörer mit seinen traurigen Shoegazer-Gitarren und dem abgehangenem Gesang gezielte Gänsehautstöße. Die gleichen Gänsehautstöße mit denen uns schon My Bloody Valentine zu "Loveless" Zeiten malträtierten. Den krönenden Schlusspunkt setzt anschließend der vielleicht beste Song des gesamten Albums "Twilight at Carbon lake". Eine verträumte 60er Jahre Doo-Wop Nummer in Stile der Everly Brothers, die sich gegen Ende noch einmal richtig aufbäumt und in einem donnernden Crescendo aus Effekt beladenen Gitarren, Feedbackwänden und verhallenden Gesängen im allerschönsten Deerhunter Chaos versinkt.
Wenn am Ende der Lärm verklingt und die letzten Töne der Platte schon einige Sekunden alt sind, steigt aus den qualmenden Effektgeräten eine Band empor, an der dieses Jahr keiner mehr vorbeikommen wird. Wort. Man sieht sich auf dem Minenfeld der Träumereien, irgendwo ziemlich weit draußen.






![Nihiling - m[e]iosis](http://www.audioase.de/images/covers/nihiling-meiosis_klein.jpg)















