Jeniferever - Spring Tides
Monotreme Records
Viele Menschen sind einfach zu träge, um sich wirklich mit Musik auseinanderzusetzen. Die meisten verschreiben sich dem populären Kitsch, um sich nicht in Verständnisanstrengungen erproben zu müssen. Nur zu gerne unterwerfen sie sich dem größtmöglichen, massengesellschaftlichen Konsens, den Charts. Diese als künstlerische Mitteilung getarnten Sentimentalitäten charakterisieren nur zu gut den Konformismus der Konsumenten. Die eigene Gefühlsarmut, die uns oft auch als Coolness verkauft wird, wird nur durch die mobilisierten Als-ob-Gefühle kaschiert.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen echten Emotionen und oberflächlicher Sentimentalität. Genau dieser Unterschied macht die Musik von Jeniferever aus. Wenn Kitsch und Sentimentalität ein Symptom dafür sind, dass man nicht in der Lage ist, echte Gefühle angemessen zu transportieren, dann sind Jeniferever die musikgewordene Antithese dazu.
Auf den Tag genau vor drei Jahren erschien ihr Debüt Choose a bright morning. Nun schwebt endlich der Nachfolger namens Spring Tides durch meine Kopfhörer. Jeniferever lassen sich gerne Zeit. Das spiegelt sich auch in ihrer Musik wieder. Von zehn Songs, die auf Spring Tides enthalten sind, überschreiten sechs die 6 Minuten Grenze.
Jeniferever bauen ihre epischen Kompositionen in aller Ruhe auf. Schicht für Schicht werden weite instrumentale Landschaften entworfen. Sobald diese durch den unverwechselbaren, luftig-leichten Gesang komplettiert werden, legt sich eine wärme, tief berührende Atmosphäre wie eine Schutzhülle über das oft sehr fragile Arrangement. Dem Hörer offenbart sich ein wunderschönes, traum-ähnliches Geflecht aus Traurigkeit, Sehnsucht und Verzweiflung. Das sind zweifelsfrei die unwiderstehlichen Trademarks der Band. So auch auf Spring Tides.
Jeniferever werden gerne dem Postrock zu geordnet, obwohl sie in der Vergangenheit einen großen Bogen um stereotype Genregewohnheiten gemacht haben. Für klassische Laut-Leise-Schemata war ebenso wenig Platz wie für genretypische Build-ups. Das gesamte Konzept von Spannung und Katharsis greift bei Jeniferever ins Leere. Langweilig ist die Musik der Schweden deswegen lange noch nicht. Dem Vorwurf der Gleichförmigkeit sah man sich trotzdem ausgesetzt.
Dagegen hat man jetzt was getan. Gleich im Opener Green Meadow Island zeigen Jeniferever diese neue Seite ihrer Selbst. Nach gemächlichem Aufbau donnern die Gitarren ab Minute drei in bester Postrock Manier dem Finale entgegen. Einen ähnlichen Verlauf nimmt wenig später auch Ox-Eye.
Auch wenn das erste große Highlight, das wunderschöne St. Gallen, eher die altbekannte, ruhige Seite von Jeniferever widerspiegelt, die neu gewonnene Dynamik tut der Band hörbar gut. Das überlange, aber sehr großartige Nangijala dürfte manchen bereits von der gleichnamigen, vorab veröffentlichten EP bekannt sein. So oder so ähnlich dürften The Cure in absoluter Schwerelosigkeit klingen. Das sehr emotionale, ja fast dramatisch klingende The Hourglass entpuppt sich sehr schnell als ein weiteres Glanzlicht. Der Titelsong beschließt das Album und beschwört noch einmal das träum-ähnliche Ambiente herauf, das diese Schweden so besonders macht.
Es wird endlich Zeit die vorherrschende Trägheit abzulegen. Streckt eure Ohren über die Fassaden aus Kitsch und Sentimentalität. Nur über die Revolte gegen den kollektiven Wahn einer konformistischen Gesellschaft kann die Erkenntnis erwachsen, dass allein ein Reichtum an Gefühlen dieses verfluchte Leben lebenswert macht. Dieses Album zu lieben wäre zumindest mal ein Einfang.
Lucas hat geschrieben:






![Nihiling - m[e]iosis](http://www.audioase.de/images/covers/nihiling-meiosis_klein.jpg)
















