Dirty Projectors - Bitte Orca
Domino / Rough Trade
Dirty Projectors Mastermind Dave Longstreth ist ein musikalischer Visionär. Sein höchst einzigartiges musikalisches Universum ist so reich an Talenten und Ideen, dass es in der Lage ist alle gängigen musikalischen Gesetze außer Kraft zu setzen, um etwas völlig Außerordentliches zu erschaffen. Seine Genialität wird trotzdem gerne ignoriert.
Jeder der die Diskographie der Dirty Projectors schon mal etwas genauer beäugt hat, sollte unabhängig von der Phase ihres kreativen Schaffens die Gegenwart einer außergewöhnlichen Begabung bemerkt haben. The Glad Fact zeigte Longstreths unkonventionelles Songwriting Verständnis in kurzen, popformatigen Songs. The Getty Address probierte sich in choralen Arrangements. Slaves' Graves & Ballads zeigte Anklänge an die klassische Musik. Rise Above war eine einzigartige, aus der puren Erinnerung entstandene Überarbeitung vom Black Flag Klassiker Damaged. Rise Above offenbarte außerdem atemberaubende Vokalarrangements und Longstreth perfektionierte sein vom afrikanischen Soukous Genre geprägtes Gitarrenspiel. Nun geht die Reise mit Bitte Orca weiter.
Als vor einigen Tagen die erste Single Stillness is the Move meinen Computer erreichte, ging ein lauter Schrei der Vorfreude durch die Bürodecke. Ein waschechter Hit oh my god! Dave Longstreth inszeniert hierfür einen ungewöhnlich poppigen R&B Jam, der Amber Coffmans tolle Stimme höflich auf die ganz große Bühne schubst. Rückblickend muss man sagen, dass Stillness is the Move ein ebenso süßer wie gelungener Vorgeschmack auf Bitte Orca ist.
Eine freundlich-sonnige Stimmung weht durch das komplette Album. Bitte Orca atmet warme Frühlingsluft und die Dirty Projectors öffnen sich einem breiteren Publikum. Eine so sanfte und zuvorkommende Umarmung hatte ich den Dirty Projectors jedenfalls nicht zugetraut. Das neue Album ist so etwas wie die lang erhoffte, bisher nie ausgesprochene Einladung ins Longstrethsche Paralleluniversum. Hey?! Ja, ihr! Ihr seid alle eingeladen!
Denen, die sich den Zutritt bereits vorher erkämpft haben, sei gesagt, dass die so geliebten Experimente nicht völlig verschwunden sind. Die Zutaten sind immer noch die Gleichen nur das Ergebnis dürfte ein paar Leuten mehr schmecken.
Schon der Opener Cannibal Resource nimmt den Hörer mit funky Groove, Handclaps und den so typischen Dirty Projectors Gesangsharmonien freundlich an die Hand. Temecula Sunrise hält mit Hilfe von Daves wunderbarer Gitarrenarbeit und den beiden Engelsstimmen von Amber Coffman und Angel Deradoorian problemlos das hohe Niveau und die so angenehme Stimmung.
Überhaupt hat jeder der neun Songs auf Bitte Orca etwas ganz Herausragendes an sich. Das wunderschöne von Deradoorian gesungene Two Doves entzückt durch malerisches Fingerpicking und Streicherbegleitung. Die ausgeklügelten Gesangslinien in No Intention sind verdammt wunderbar, ebenso wie Longstreths afrikanisch-angehauchtes Gitarrenspiel im gleichen Song. Fantastische Gesangsharmonien sind überall auf dem Album, aber der Höhepunkt ist sicherlich in Remade Horizon zu finden. Wenn nach zweieinhalb Minuten das Hauptmotiv des Songs erst von einer Stimme aufgegriffen wird, um es anschließend mit dem Einsatz der zweiten Stimme völlig zu dekonstruieren, bleibt mir ehrfürchtig der Mund offen stehen. Das Herzstück des Albums ist allerdings Useful Chamber. Der Song bewegt sich ohne große Anstrengung zwischen den Genres und referenziert dabei mit Leichtigkeit fast alle wichtigen Indiebands der letzten Jahre in nur einem Song von TV On The Radio über Vampire Weekend, Animal Collective, the Arcade Fire bis hin zu LCD Soundsystem.
Wer jetzt immer noch nicht verstanden hat, dass Bitte Orca ein Meisterstück ist, der verpasst ein geniales Stück Musikgeschichte.






![Nihiling - m[e]iosis](http://www.audioase.de/images/covers/nihiling-meiosis_klein.jpg)
















